Was bedeutet es, Mensch zu sein? Eine Frage mit unendlich vielen Antworten. Wichtig für mich ist unter anderem die Fähigkeit, eine Wortsprache zu beherrschen, zu lesen und zu schreiben. Natürlich ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit, so viele Menschen lernen weder lesen noch schreiben und häufig ist mir ein gutes Essen wichtiger als alles andere auf der Welt – vergessen ist die Kunst, vergessen die abstrakten Ideen, vergessen ambitionierte Lebenspläne…. Ich vermute, das ist für Tiere schon sehr viel nachvollziehbarer – aber genießen sie ihr Futter genauso, wie ich ein Fondant au Chocolat genieße? Aus nichtmenschlichen Perspektiven wäre die Antwort im Auschlussverfahren sicher immer eine andere. Auch hier kann nur geraten werden: was denke ich, was andere denken das ich wäre? Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel stellte in seinem Essay ‚What it is like to be a bat‘ für die umgekehrte Frage fest, dass eine Antwort in beiden Fällen ausgeschlossen ist, weil wir das körperliche Sein und Bewusstsein einer anderen Lebensform, in diesem Fall der Fledermaus, nicht am eigenen Leib nachempfinden können. Stell dir vor du würdest deine Umwelt über Ultraschall wahrnehmen und im Winterschlaf 3 Monate einfrieren, um danach, weiterhin lebendig, wiederaufzutauen. Klar, kein Problem sagt Nagel, für mich selbst kann ich mir das vorstellen, aber aus der Perspektive der Fledermaus als Fledermaus – unmöglich. Ehrlichgesagt kann ich mir nichts davon auch nur im Entferntesten für mich selbst vorstellen, ich bevorzuge mein Bett und meine zwei Augen inklusive Sehkorrektur und eine stabile Körpertemperatur, auch wenn das bedeutet, dass ich den Berliner Winter überstehen muss. Aber Tiere faszinieren mich. Das zumindest ist ein Anfang…
Die Welt aus einer anderen Perspektive sehen, eigentlich war das schon immer eines der Hauptziele effektiver Kunst. Die documenta erweitert dieses Jahr das Spektrum und bezieht Tiere und Pflanzen als mögliche alternative Blickwinkel auf die Welt ein, der Mensch soll nicht mehr denken, er wäre alleiniger Mittelpunkt der Welt. Im Prinzip ist diese Arbeitshypothese ganz großartig und überschneidet sich mit vielen aktuellen Theorien und Ausstellungen, beispielsweise ‚Animismus‘, kuratiert von Anselm Franke - nach dem HKW in Berlin aktuell in New York zu sehen. Es geht um unsere belebte und handelnde Umwelt – wenn man es so betrachtet geraten einige Dinge recht schnell außerhalb menschlicher Kontrolle. Den Katalog zur Ausstellung finde ich neben den themengebenden Schriften von Donna Haraway im Worldly Archive wieder, zusammengestellt von Tue Greenfort in einer Karlsauenhütte. Neben Videos hier wieder viel Text, was mich zu meiner beruhigenden Mensch-Sein Definition zurückführt. Donna Haraway’s Texte waren auch Inspiration für die dog tours, bei denen Besitzer und Hunde gemeinsam im Erfahrungsaustausch die Karlsaue und den Hundeparcours von Brian Jungen entdecken. Ich bin mit einem Hund aufgewachsen und war sofort sehr neidisch auf alle ernsthaften Gassigänger, denen ich im Park begegnet bin. Leihhunde gibt es leider keine, ich war also weiterhin auf meine menschliche Perspektive zurückgeworfen. Erfolgreich teilen konnte ich aber auf der Mangold Fähre von Christian Philipp Müller das Gefühl des Schwankens mit etlichen Sorten rotschimmernden Mangolds, ein Anfang zumindest, ja, aber auch hier wäre essen statt theoretisieren mein liebster nächster Schritt gewesen.
Auf dem Rückweg nach Berlin, eine leere Autobahn während Deutschland sein erstes Europameisterschaftsspiel absolvierte, kam es dann allerdings zu verstärktem Tierkontakt. Zuerst flog bei entsprechend hoher Geschwindigkeit ein Vogel frontal in unsere Windschutzscheibe (nicht nur laut sondern auch unschön), was nachträgliches heftiges Gruseln bei der Fahrerin auslöste. An der nächsten Raststätte, wo wir die Vogelspuren entfernen wollten, war von Menschen weit und breit nichts zu sehen, das Restaurant war wie ausgestorben, bei Dunkelheit an einer Autobahn nicht das Angenehmste. Draußen begegneten uns statt Menschen dafür mehrere engagierte Ratten. Verzweifelter Ausruf der Fahrerin hier: Mir reicht es jetzt, das kommt alles bloß von diesem Anti-Anthropozendingsda. Das ist mir zu viel. In Berlin sind wir trotzdem gesund angekommen, und Menschen gab es hier auch noch. Nur unsere Raststätten-Cola konnten wir leider nicht bezahlen, die Ratten wollten kein Geld.
Links:
http://www.e-flux.com/program/animism-3/
http://d13.documenta.de/de/#/research/research/view/on-multispecies-intra-action
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